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Gestern wurde am Landesgericht Wels Caro (17) vor Gericht gestellt. Ihr Verbrechen: sie hat sich während einer Streiterei auf der Frauenabteilung des Forensischen Zentrums in Asten (FZA) geweigert, in den Isolationshaftraum verlegt zu werden. Beim Anlagen der Handfesseln hat sie dabei einem Justizwachebeamten den kleinen Finger gezerrt.

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Die Vorgeschichte von Caro ist erschütternd: rund 40 Mal wurde Caro in die Psychiatrie eingewiesen, bevor sie dort zwei Betreuer und eine Ärztin mit dem Umbringen bedrohte und als geistig abnorme Straftäterin ins Gefängnis musste – ist das der richtige Ort für eine 16-Jährige?
-> https://kurier.at/chronik/oesterreich/in-psychiatrie-gedroht-16-jaehrige-muss-ins-gefaengnis/219.589.165

Bei der Verhandlung im großen Schwurgerichtssaal waren neben Caro auch eine Mitarbeiterin des FZA, ihre Mutter und der besagte Justizwachebeamte anwesend. Nach Verlesung der persönlichen Daten und Vorstrafen wurde überraschend die Klinikleiterin und Gutachterin Adelheid Kastner zur psychiatrischen Diagnose von Caro befragt. Überraschen deshalb, weil im Verfahren noch der Neurologe Christoph Röper bestellt war. Die Richterin war jedoch der Auffassung, dass ein Psychiater und nicht ein Neurologe die Begutachtung durchführen sollte. Daher wurde Kastner noch am Freitag vor der Verhandlung im FZA vorstellig und „begutachtete“ Caro in einem kurzen Gespräch. Kastners Ausführungen während der Verhandlung ließen kein gutes Haar an Caros Verhalten. Sie meinte, dass es zu vielen Ordnungswidrigkeiten gekommen sei und dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit zu weiteren Übergriffen kommen würde. Sie verstehe auch nicht, wieso Caro auf Unterbrechung der Unterbringung (UdU) gekommen sei, denn die letzte UdU verlief überhaupt nicht erfolgreich. Die Gründe dafür blieb sie schuldig, obwohl sie wusste, dass Caro als 17-jähriges Mädchen in einer reinen Männer-WG wohl kaum am ideal Platz sein konnte.

Der Sachverhalt war bald geklärt, Caro ohnehin voll geständig und so kam es dann noch zum Gehör des geschädigten Justitwachebeamten. Dieser hätte gerne für den gezerrten kleinen Finger (eine Woche Krankenstand) EUR 500,– von Caro als Schmerzensgeld. Dieser Anspruch wurde von Caro anerkannt. Bei der Urteilsverkündung wurde dann eine fünfmonatige unbedingte Haftstrafe ausgesprochen. Ebenso die Einweisung in den Maßnahmenvollzug für geistig abnorme Rechtsbrecher. Die Einweisung ist natürlich irrelevant, da sie sich ohnehin schon im Maßnahmenvollzug befindet. Die fünf Monate ebenso, da es freilich noch länger als fünf Monate dauern würde, bis Caro endlich bedingt entlassen werden kann.

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Im anschließendem Gespräch mit der Jugendrichterin wies ich darauf hin, dass Kastner keine Kinder- und Jugendpsychiaterin sei, und das dieser Umstand aus Sicht von SiM natürlich einen Missstand in solchen Verfahren darstellt. Sie verwies allerdings darauf, dass es im gesamten Gerichtssprengel keinen (!!!) Gerichtssachverständigen für Kinder- und Jugendpsychiatrie gibt. Ein weiterer Anlass um das Gutachterwesen in Österreich endlich zu reformieren.

Die, seit Caros Einweisung, bestehende Kritik, dass Jugendliche und junge Erwachsene im Maßnahmenvollzug nichts verloren haben, zeigt ihr Beispiel. Seit ihrer Einweisung hat sie nach wie vor keinen Hauptschulabschluss, keine Perspektive, die einzig adäquate Nachsorgeeinrichtung (eine Frauen WG in Linz) wurde erst vor wenigen Wochen überhaupt kontaktiert und die Vorfälle in der Frauenabteilung des FZA nehmen überhand. Dass sich ihre Situation dort nicht so positiv auf Ihr Verhalten auswirkt, war von vornherein anzunehmen. Aber offensichtlich weiß sich die Republik, im Umgang mit Teenagern bei psychischen Problemen, nicht anders zu helfen, als sie in den potentiell lebenslang anhaltenden Maßnahmenvollzug zu stecken. Einfach traurig!