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Im Maßnahmenvollzug, der schon Jahrzehnte einer Reform harrt, gibt es auch „Sexualtäter.“ Sie erhalten Therapie – seltener Einzeltherapie, ihnen wird sehr klar gemacht, wann Verhalten übergriffig wird, eine Person in ihrer Integrität verletzt wird und schon während des Aufenthalts bekommen sie begleitend triebdämpfende Medikamente.

Glücklicher die, die ebenfalls wegen eines Sexualdelikts verurteilt wurden, aber nicht zur Maßnahme. Auch sie erhalten Therapie, es wird mit ihnen an ihrem Verhalten gearbeitet, aber sie haben ein fixes Entlassungsdatum, solche Gefangene sind z.B. in der Justizanstalt Sonnberg. Bevor ich streife, was der Hintergrund solcher Delikte ist, möchte ich vorrangig das Problem Angehaltener in Bezug auf Entlassung darstellen.

Jedes Jahr ist da nach Strafende die Angst, werde ich diesmal entlassen? Ich kenne nach 14 Jahren Besuchsdienst niemanden, der mit Strafende entlassen wurde. Mit jedem Jahr mehr über das Strafende hinaus steigt die Angst. Wenn es dann heißt: „Sie werden nur dann entlassen, wenn Sie bereit sind alle Auflagen zu erfüllen.“ – die Weisung, welcher Wohnplatz anzunehmen ist, die Beigabe eines Bewährungshelfers, regelmäßige Wahrnehmung der Termine in der forensischen Nachbetreuung und Bereitschaft, sich weiter die Spritze geben zu lassen oder kontrolliert Medikamente. Was wird der tun, der Angst hat bei diesem Anhörungstermin wieder nicht entlassen zu werden?

Die körperlichen Auswirkungen der chemischen Kastration beschreibt einer so: „Schon nach einigen Wochen trat vollständige Impotenz ein, Orgasmen sind nicht mehr möglich, das Ejakulat läuft anfangs noch völlig kraftlos aus oder ist später nicht mehr vorhanden und der Penis bleibt absolut schlaff, es gibt somit keine sexuelle Handlungsmöglichkeit mehr.“

Nun, ist der Entlassene z.B. ein Homosexueller, der über einen langen Weg sein Sosein anzunehmen gelernt hat, es endlich zu mehr Selbstbewusstsein gebracht hat und er hat – vielleicht sogar in seiner Wohngruppe – einen Freund gefunden, aber ebendieser Freund teilt ja sein Schicksal – auch er ist chemisch kastriert, wie schlimm ist ihre Situation!

Das ist eine unerträgliche, Menschenrechte verletzende Vorenthaltung eines ganz normalen menschlichen Lebens, eine Beziehung kann nicht umfassend gelebt werden! Und das ist nicht Schutz anderer Personen! Eine geglückte Beziehung unter Erwachsenen schützt vor folgenschwerer Suche nach Auswegen!

Nicht anders ist es bei einem Mann, der nach Jahren der isolierenden Gefangenschaft neu eine Beziehung zu einer Frau sucht, der das wagt, eine verständige Frau finden konnte und ihr als behindert begegnen soll. Wer verantwortet eine solche Einschränkung normalen Lebensvollzuges?

Es wird Einzelfälle geben, wo aus Selbstschutz und Schutz der Mitmenschen solche Eingriffe nötig sind, wenn jemand geistig zu einer Selbststeuerung nicht imstande ist oder bei Personen, die auf diesem Gebiet besonders gewalttätig sind. Aber diese Menschenrechtsverletzung ist ja derzeit breite Praxis!

Was bewirkte also die überlange Anhaltung? Wie sorgsam und qualitativ ist die Behandlung fehlgeleiteter Handlungen vor der Haft, wenn das Heil nur darin gesucht wird, eine sexuelle Handlung auch in Zukunft unmöglich zu machen?

Das, was mich aber am meisten beschäftigt, haben diese Fachleute je herauszufinden versucht, was ist die innerste Sehnsucht dieses Menschen, was sucht er eigentlich? In seinen Irrläufen, was hat er zuinnerst gesucht? Was ist leer geblieben in ihm?

Denn diese Menschen sind ja nicht triebgesteuerte Sexmonster oder abnorme Vorsatztäter.

Manchmal ist die sexuelle Sozialisation in jungen Jahren nicht geglückt. Trotz angeblich großer Freizügigkeit in der Werbung und der gesamten Öffentlichkeit, sind viele junge und ältere Menschen alleingelassen, wenn sie Probleme mit ihrer Sexualität haben. Wenn sie etwa meinen, nicht anziehend genug auszusehen, ihre Brust sei zu klein und flach, ihr Penis zu klein. Wenn sie sich anders empfinden als die Mehrheit ihrer Jugendgruppe, wenn sie Kontaktprobleme haben. Wenn sie spüren, dass ihre Wünsche von den am meisten geliebten Menschen abgelehnt werden. Hat jeder junge Mensch wirklich einen vertrauten Menschen, dem er sich auch mit seinen intimsten Problemen anvertrauen kann?

Er kann sich im Internet jegliches Anschauungsmaterial holen, in Pornos wird nie erlahmende Sexualität vorgegaukelt, die aber erst nicht seine innersten Sehnsüchte zu beantworten mag.

So ein Mensch sucht dann vielleicht geheime Auswege und nähert sich Kindern, weil seine Minderwertigkeitsgefühle, seine große Schüchternheit und Unsicherheit eine Annäherung an einen erwachsenen, ebenbürtigen Partner nicht zulässt. Weil er Zurückweisung nicht auszuhalten vermag.

Oder er setzt Gewalt ein, weil er selbst Liebe seit frühester Kindheit nicht erfahren, Zärtlichkeit nie erlebt hat, sie gar nicht aushalten kann.

Oder da ist jemand homosexuell und spürt, dass seine Eltern, sein Umfeld damit überhaupt nicht zurechtkommen, fühlt sich als Außenseiter in der Jugendgruppe. Es gibt noch viele „oder“ …

Zuletzt hat es dann einen Vorfall gegeben, der öffentlich wurde, zu einer Anzeige führte – bei dem es unter Umständen Opfer gab oder solche in Zukunft befürchtet wurden. Und weil sexuell gefärbte Taten immer mit einer hohen Erregung der Öffentlichkeit verbunden sind, hat er zur Strafe die Punze „geistig abnormer Rechtsbrecher, der unter dem Einfluss einer geistigen oder seelischen Abartigkeit höheren Grades eine Tat begangen hat“ hinzubekommen, und das, obwohl die Tat oft mit keinem besonderen Schweregrad verbunden war.

Und dann trägt er dieses Kainsmal für weitere Jahre und wird weiterbestraft über das Strafmaß und sogar über die überlange Anhaltung hinaus!

Karl Helmreich, DSA
Kontakt:
helmreich.karl@aon.at