Offener Brief der „Plattform Maßnahmenvollzug“

Schlagwörter

Sehr geehrter Herr Vizekanzler und Justizminister Dr. Jabloner,

die „Plattform Maßnahmenvollzug“ (ein Zusammenschluss von 12 Organisationen aus dem Umfeld des Maßnahmenvollzugs) hat dem Parlament im Oktober 2018 die Forderung nach Umsetzung der bereits 2015 erarbeiteten Expertenvorschläge zur Reform des Maßnahmenvollzugs als Bürgerinitiative[1] vorgelegt.

Nach Erreichen der nötigen Unterschriften wurde die Petition im Petitionsausschuss „zur Kenntnis“ genommen – mit der Begründung, dass eine Reform des menschenrechtlich bedenklichen Maßnahmenvollzugs bevorsteht und zu Ostern 2019 in Begutachtung geht.

Seit der Auflösung und Neukonstitution der Bundesregierung liegt nun der fertige Gesetzesentwurf (zu dem wir auf Sektionsebene eine Stellungnahme abgegeben durften) im Justizministerium und gelangt nicht in Begutachtung.

Es ist nun leider bereits das zweite Mal, dass die Finalisierung und Umsetzung des Gesetzesentwurfs (2017 vom damaligen Justizminister Brandstetter) durch Neuwahlen behindert wird.

Österreich wurde bislang zwei Mal wegen der Missstände im Maßnahmenvollzug beim EGMR[2] verurteilt, die Zahl der Untergebrachten steigt stetig (derzeit sind über 1.000 Menschen betroffen) und die Volksanwaltschaft kritisiert seit Jahren die Problematik der Inhaftierung von psychisch kranken Menschen – zuletzt in ihrem Jahresbericht 2018.

Nun wurde am 13. Juni 2019 ein Antrag der Abgeordneten Ing. Reinhold Einwallner, Dr. Irmgard Griss, Dr. Alfred J. Noll, Kolleginnen und Kollegen betreffend dringend notwendiger Verbesserungen im Maßnahmenvollzug [3] im Nationalrat eingebracht.

Wir sind dankbar für diese Initiative und erlauben uns, die Forderung nach einem Gesetzesentwurf aus diesem Antrag zu unterstreichen und auf die umfangreichen Vorarbeiten durch das Justizministerium seit 2015 hinzuweisen. Es gab dazu bereits eine Expertengruppe[4], eine interne Begutachtung, einen Entwurf von Univ. Prof. Dr. Fuchs 2017 und eine Experten-Begutachtung 2018 auf Basis eines Entwurfs des Justizministeriums. Es liegt seitdem ein fertiger Entwurf vor, dieser müsste nun in die parlamentarische Begutachtung gelangen.

Mit diesem Schreiben möchten wir nicht zuletzt auch Ihre Aufmerksamkeit auf Menschen mit psychischen Erkrankungen im Maßnahmenvollzug lenken, deren Rechte häufig verletzt werden und daher eine besondere staatliche Schutzverantwortung besteht.

Wir ersuchen daher um Ihre wohlwollende Unterstützung in der parlamentarischen Umsetzung des neuen Maßnahmenreformgesetzes 2020 (MRG2020) und bieten höflichst unsere konstruktive Mitarbeit in allen Phasen der Gesetzwerdung an.

Mit freundlichen Grüßen,

Markus Drechsler
Sprecher der Plattform Maßnahmenvollzug

Die Plattform Maßnahmenvollzug wird getragen von:

  • Behindertenanwalt
  • BIZEPS – Zentrum für Selbstbestimmtes Leben
  • Exit Sozial – Verein für psychosoziale Dienste
  • Freiräume – Für Menschen mit psychischen Problemen und Krisenerfahrung
  • HPE – Hilfe für Angehörige psychisch Erkrankter
  • Ifs Patientenanwaltschaft
  • Verein LOK – Leben ohne Krankenhaus
  • Ludwig Boltzmann Institut für Menschenrechte
  • Österreichischer Behindertenrat
  • pro mente Plus
  • SiM – Selbst- und Interessensvertretung zum Maßnahmenvollzug
  • Vertretungsnetz – Erwachsenenvertretung, Patientenanwaltschaft, Bewohnervertretung

[1] https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVI/BI/BI_00051/index.shtml

[2] https://derstandard.at/2000080364717/Oesterreich-zweimal-wegen-Massnahmenvollzug-verurteilt

[3] https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXVI/A/A_00921/index.shtml

[4] https://www.justiz.gv.at/web2013/home/ministerium/gesetzesentwuerfe/entwurf-massnahmenvollzugsgesetz~2c94848a5d55ef0a015d883cd2b033e1.de.html

Das neue Kollegium der Volksanwaltschaft präsentiert Ziele und Arbeitsschwerpunkte

Schlagwörter

, , , ,

Ein Blickpunkte-Beitrag von Katharina Zwins.

Die neuen Volksanwälte (Bild: K. Zwins)

Werner Amon, Bernhard Achitz und Walter Rosenkranz sind die neuen Mitglieder der Volksanwaltschaft. Am 5. Juli 2019 luden sie VertreterInnen der Medien zu einem Pressefrühstück.

Die sechsjährige Amtsperiode der drei neuen Volksanwälte begann am 1. Juli 2019. Als Kontrollorgan der öffentlichen Verwaltung legten die Mitglieder der Volksanwaltschaft zu Beginn ihrer Amtszeit eine Geschäftsverteilung fest. Auf diese sowie auf kommende Arbeitsschwerpunkte wurde im Rahmen einer Pressekonferenz am 5. Juli 2019 näher eingegangen.

Werner Amon folgt Gertrude Brinek im Bereich Justiz

Nach der Geschäftsverteilung ist Werner Amon, der zugleich für ein Jahr Vorsitzender der Volksanwaltschaft und Generalsekretär des International Ombudsman Insitute (IOI) ist, unter anderem für den Strafvollzug sowie die Verfahrensdauer bei Gerichten und Staatsanwaltschaften zuständig. Besonders hervor hob er im Zuge der Pressekonferenz den Anspruch der Bevölkerung auf ein funktionierendes Justizsystem. Dabei sei es wichtig, dass zu lange Verfahren und Ermittlungen nicht überhand nehmen und die Gewährleistung der Menschenrechte speziell für Randgruppen auf den Prüfstand gestellt werde. Die Zustände sowohl für MitarbeiterInnen als auch für InsassInnen im Straf- und Maßnahmenvollzug gelte es zu verbessern. Werner Amon wurde in seiner Funktion als Volksanwalt von der ÖVP nominiert und übernahm dabei den Tätigkeitsbereich der Justiz von seiner Vorgängerin Gertrude Brinek. Diese übte vermehrt harsche Kritik am Straf- und Maßnahmenvollzug. Im Jahresbericht 2018 sowie der Bilanz der Volksanwaltschaft zu ihrer Amtszeit hob sie besonders den Reformbedarf hervor und kritisierte unter anderem fehlende Behandlungsmöglichkeiten sowie die mangelhafte Qualität der Gutachten im Maßnahmenvollzug (Blickpunkte berichtete in der Ausgabe 2/3 2019, Seite 4). Bereits im Jahr 2014 forderte die Volksanwaltschaft eine umfassende und tiefgehende Reform des Straf- und Maßnahmenvollzugs. Auf die diesbezügliche Frage von Blickpunkte in der Pressekonferenz am 5. Juli 2019, wie Werner Amon zur notwendigen Reform des Straf- und Maßnahmenvollzugs stehe, hielt sich dieser eher bedeckt. Im Vollzug seien vor allem personelle Probleme vorherrschend. Insofern seien die Forderungen der Justiz gerechtfertigt. Die Reform sei allerdings Aufgabe der Politik, so Werner Amon. Erst wenn konkrete Gesetze vorliegen, könne die Volksanwaltschaft Prüfungen vornehmen.

Weitere Vorhaben der Volksanwaltschaft

Auch die beiden anderen Volksanwälte stellten sich und ihre Ziele im Zuge der Pressekonferenz vor. Bernhard Achitz, von der SPÖ vorgeschlagen und für Soziales, Pflege und Gesundheit zuständig, hob besonders die bessere Absicherung und Verankerung sozialer Grundrechte hervor. Vor allem bedürfe es auch mehr qualifizierten Personals für eine menschenwürdige Pflege. Der von der FPÖ nominierte Volksanwalt Walter Rosenkranz thematisierte im Zusammenhang mit Orten der Anhaltung besonders die Wichtigkeit der Arbeit der Volksanwaltschaft im Bereich der präventiven Menschenrechtskontrolle. Auf Bundesebene fällt unter anderem das Polizei-, Fremden- und Asylrecht in seinen Geschäftsbereich sowie prüft er außerdem Gewerbe und Betriebsanlagen.

Ein Blick in die Zukunft

Die kommenden Jahre dürfen mit Spannung erwartet und insbesondere darf auf einen verstärkten Einsatz für die Forderung nach einer grundlegenden Reform des Straf- und Maßnahmenvollzugs gehofft werden. Zum Zeitpunkt der Pressekonferenz war die erste Arbeitswoche des neuen Kollegiums der Volksanwaltschaft kaum vorbei. Möge die kommende Amtszeit bis zu ihrem Ende im Jahr 2025 eine erfolgreiche und produktive werden.

WOBES: umstrittener Verein erteilt SiM-MitarbeiterInnen Hausverbot

Schlagwörter

, , , , ,

Der Verein WOBES, der in der Nachbetreuung von Maßnahmenuntergebrachten tätig ist, erteilt den MitarbeiterInnen von SiM Hausverbot. Wie kommt es dazu?

Im Zuge einer heute anberaumten Besprechung in den Räumlichkeiten der WOBES (Verein zur Förderung von Wohnraumbeschaffung) war geplant die Möglichkeiten einer Wohnsitznahme eines Klienten zu besprechen.

Kaum saßen alle Beteiligten am Tisch, kam Sozialarbeiter Wolfgang Habe in sommerlicher Montur und verkündete, dass SiM bei WOBES Hausverbot hat. Dies begründete er damit, dass es sich dabei um eine Weisung des Geschäftsführeres und Sozialarbeiters Wolfgang Janik handelt.

Wir sind natürlich gewohnt, dass wir bei Justizbediensteten und deren Umfeldorganisationen immer wieder kritisch beäugt werden, aber so eine Vorgehensweise hatten wir bisher noch nicht erlebt.

Die Untergebrachten bei WOBES werden gut überwacht (Foto: MZ/BP)

Statt miteinander am gleichen Ziel zu arbeiten und notwendigerweise eine Minimum-Kommunikationsbasis zu haben, wird das von WOBES generell nicht gewünscht.

Der gemeinnützige Verein ist durchaus umstritten, wurde doch vor kurzer Zeit noch wegen Förderungsmissbrauch ermittelt. Kurios ist es auch, dass es außer dem Verein auch noch eine WOBEG-GmbH gibt (mit Janik als Geschäftsführer). Der Journalist Wolfgang Rössler (NZZ) und das Wochenmagazin PROFIL haben darüber bereits berichtet: http://www.wolfgangroessler.com/das-geschft-mit-den-haftentlassenen

Der NEOS Nationalratsabgeordnete Nikolaus Scherak hat die Causa bereits mehrfach zum Gegenstand parlamentarischer Anfrage gemacht. „Es besteht der Verdacht, dass sich ein Verein zu Unrecht an Menschen in einem Abhängigkeitsverhältnis bereichert.“ (NZZ)

Offenbar war die kritische Haltung von SiM zu den von WOBES verlangten Mieten Grund genug, dass WOBES den SiM-MitarbeiterInnen nun ein Hausverbot ausgesprochen hat.

Initiativantrag zur Reform des Maßnahmenvollzugs im Parlament

Schlagwörter

, , , , , , , ,

SPÖ, NEOS und JETZT drängen auf Verbesserungen im Maßnahmenvollzug

Vizekanzler und Justizminister Clemens Jabloner

Verbesserungen im Maßnahmenvollzug verlangen SPÖ, NEOS und JETZT, wobei die Abgeordneten Reinhold Einwallner (SPÖ), Irmgard Griss (NEOS) und Alfred Noll (JETZT) in ihrem gemeinsamen Entschließungsantrag (921/A(E)) den Justizminister aufrufen, sich an den Empfehlungen der Arbeitsgruppe „Maßnahmenvollzug“ seines Ressorts zu orientieren. Wesentliche Punkte sollten dabei die Unterbringung in forensisch-therapeutischen Zentren, die ausnahmsweise Unterbringung in öffentlichen Krankenanstalten für Psychiatrie, die Möglichkeit eines ambulanten Vollzugs bei gelinderen Fällen sowie die elektronische Fußfessel bei ambulantem Vollzug sein. Klar ist für die AntragstellerInnen jedenfalls, dass es in Zukunft keine Unterbringung psychisch kranker StraftäterInnen mehr in Vollzugsanstalten geben darf.

Volksanwaltschaft kritisiert erneut Maßnahmenvollzug

Schlagwörter

, , , , , ,

Jahresbilanz der Volksanwaltschaft: Mängel im Straf- und Maßnahmenvollzug – Probleme seit Jahren ungelöst

Seit elf Jahren setzt sich Volksanwältin Gertrude Brinek mit den Defiziten des österreichischen Justizsystems auseinander. In Haftanstalten stößt sie immer wieder auf dieselben Probleme: Überbelag und mangelnde Beschäftigung insbesondere in gerichtlichen Gefangenenhäusern sowie schlechter Zustand der Räumlichkeiten. Besonders problematisch sind die nach wie vor langen Einschlusszeiten von bis zu 24 Stunden am Tag in Mehrpersonenhafträumen ohne jegliche Beschäftigungsmöglichkeit.


Volksanwältin
Dr. Gertrude Brinek (C)VAW/Postl)

Wenn das Ziel der Haft eine Resozialisierung in die Gesellschaft sein soll, müssen die Bedingungen sowohl für die Inhaftierten als auch für das Personal verbessert werden. Unbestreitbar ist, dass ein Mehrbedarf an qualifiziertem Personal in den Justizanstalten besteht“, so Brinek „Ich wiederhole jedoch, dass den Herausforderungen nicht allein mit technischen Verbesserungen wie längeren Schlagstöcken und dickeren Schutzwesten begegnet werden kann. Das sind sicher noch keine Resozialisierungsmaßnahmen. Und letztlich auch kein Beitrag zu mehr Sicherheit in den Haftanstalten.“ Um den Bedingungen eines gesetzlichen und modernen Straf- und Maßnahmenvollzugs gerecht zu werden, sind Anstrengungen zur baulichen und personellen Verbesserung sowie für Weiterbildungsprogramme (z. B. De-Eskalationsprogramme) zu unternehmen; ebenso ist überprüfen, ob die dienst- und besoldungsrechtlichen Voraussetzungen noch zeitgemäß sind.

So ist beispielsweise die größte Haftanstalt in Wien-Josefstadt bereits seit Jahren dauerhaft überbelegt. Die maximale Belagsfähigkeit beträgt 920 Personen. Im November 2018 beherbergte sie 1.200 Personen – um knapp 30 % mehr. Teilweise sind in einer Zelle fast doppelt so viele Häftlinge untergebracht wie vorgesehen. „Das ist einfach indiskutabel. Die Raumnot fördert die Aggressivität. Man darf sich dann nicht wundern, wenn es zu Übergriffen untereinander und natürlich auch gegen die Justizwache kommt“, sagt Volksanwältin Brinek.

Gleichzeitig gibt es ein viel zu geringes Beschäftigungsangebot. So hatten in Wien- Josefstadt im November 2018 lediglich 22 % der Inhaftierten eine Arbeit. Werkstätten und Betriebe bleiben oftmals wegen Personalmangels geschlossen. In der JA Stein werden seit Anfang 2018 die Betriebe und Werkstätten während der Ferien- bzw. Haupturlaubszeiten gänzlich geschlossen. Das geringe Arbeitsangebot und die Schließtage der Betriebe in Graz-Jakomini kritisierte die Volksanwaltschaft bereits in ihren vergangenen beiden Tätigkeitsberichten. Bei einer Vollbelegung steht nur für rund 39 % der Inhaftierten ein Arbeitsplatz zur Verfügung. Die Situation hat sich nicht verbessert.

Geplante Reformen des Straf- und Maßnahmenvollzugs lassen auf sich warten

Ähnlich stellt sich die Situation im Bereich des Maßnahmenvollzugs dar. Seit Jahren kritisiert die Volksanwaltschaft fehlende Behandlungsmöglichkeiten, gemeinsame Unterbringung mit Häftlingen im Normalvollzug, überlange Anhaltungen aufgrund fehlender Nachsorgeeinrichtungen, die zu geringe Anzahl an Gutachterinnen und Gutachtern sowie fehlende Qualitätsstandards bei Gutachten.

Bereits 2014 forderte die Volksanwaltschaft daher eine grundlegende und tiefgreifende Reform des Straf- und Maßnahmenvollzugs. Die Unterbringung sollte künftig in modernen forensisch therapeutischen Zentren auf Behandlung und Betreuung ausgerichtet erfolgen. Bis heute gibt es keinen Entwurf.

Zu viele Menschen auf zu wenig Raum

Auch im Bereich des Maßnahmenvollzugs sind nicht genügend Unterbringungsräume vorhanden, um entsprechend zu behandeln und bei Konflikten oder Zwischenfällen kurzfristig mit Verlegungen reagieren zu können. So sind beispielsweise die forensischen Abteilungen des Neuromed Campus großteils überbelegt. Statt der 52 vorgesehenen Betten gibt es 66. Zweibettzimmer sind mit bis zu vier Betten ausgestattet. Dadurch gibt es keinerlei Privatsphäre. Die Raumnot ist dermaßen groß, dass sogar ein Isolierzimmer dauerhaft belegt ist und ein Patient auf dem Gurtenbett schlafen muss.

Mangelnde Qualität von Gutachten

Immer wieder sind die Kommissionen und die Volksanwaltschaft auch mit Beschwerden über die Qualität von Gutachten konfrontiert. Im Strafverfahren geben diese Gutachten den Ausschlag, ob eine Person in den Maßnahmenvollzug eingewiesen wird; danach, ob und wann eine bedingte Entlassung empfohlen werden kann. Die Volksanwaltschaft legt nun das Ergebnis einer Experten-Arbeitsgruppe vor – „Gutachten als Schlüsselfaktoren im Maßnahmenvollzug“, das die Mängel benennt und analysiert, um in den Schlussfolgerungen in das Gesetzes-Reform-Verfahren einzugehen.

Mangel an medizinischem Personal

Besonders gravierend ist der Personalmangel im medizinischen Bereich. Um dem Problem zu begegnen, fordert die Volksanwaltschaft dringend die Erarbeitung neuer bundesweiter Lösungsansätze. Offene Stellen bleiben oft jahrelang unbesetzt, weil sich aufgrund der geringen Bezahlung keine Ärztinnen und Ärzte bewerben. „Um die medizinische Versorgung auch mittel- und langfristig sicherzustellen und bestehende Missstände abzustellen, müssen die finanziellen Anreize dringend verbessert werden“, so Brinek.

Ein Good Practice Beispiel stellt das forensisch-therapeutische Zentrum in Asten dar. Es verfügt über ein modernes Konzept und gewährleistet als einziges Zentrum eine zeitgemäße Unterbringung. Da der Bedarf im Maßnahmenvollzug in den letzten Jahren angestiegen ist, fordert die Volksanwaltschaft den Bau eines weiteren forensisch-therapeutischen Zentrums im Raum Wien-Niederösterreich.

(Quelle: Volksanwaltschaft, Pressekonferenz „Präsentation des Jahresberichts der Volksanwaltschaft 2018 und Bilanz zur Amtszeit“ 24.4.2019, 10:00)

Der aktuelle Stand der Maßnahmenvollzugsreform

Schlagwörter

, , , , ,

Der Justizminister gibt in einer Anfragebeantwortung den aktuellen Stand zur Reform des Maßnahmenvollzugs bekannt. Ein zentraler Punkt ist die Schaffung eines eigenen Maßnahmenreformgesetzes 2020 (MRG2020).

Justizminister Dr. Josef Moser

Hier die Anfragebeantwortung durch das Justizministerium im Originalwortlaut:

Zur Frage 1:

Wie ist der Stand der Arbeiten am Entwurf eines Gesetzes für die Reform des Maßnahmenvollzugs?

Der aktuelle Entwurf basiert auf dem Entwurf aus dem Jahr 2017 und wurde im Lichte des dazu stattgefundenen informellen Begutachtungsverfahrens einerseits sowie des Regierungsprogramms, der aktuellen Herausforderungen und Entwicklungen andererseits überarbeitet. Ende des vergangenen Jahres wurde der neue Entwurf auf Ebene der Fachsektion finalisiert und an ca. 20 Stakeholder bzw. Expertinnen und Experten zu einer Vorbegutachtung bis 30. Jänner 2019 übermittelt. Derzeit wird der Entwurf zur Finalisierung als Ministerialentwurf im Lichte des rezenten Begutachtungsverfahrens neuerlich überarbeitet.

Zur Frage 2:

Welche konkreten Reformvorhaben sollen damit umgesetzt werden?

Nach dem derzeitigen Stand der Überlegungen würde der Entwurf u.a. folgende Punkte enthalten:

  • Regelung der materiellrechtlichen Voraussetzungen weiterhin im StGB (§ 21) und nicht im neuen Maßnahmenvollzugsgesetz (MVG);
  • „strafrechtliche Unterbringung in einem forensisch-therapeutischen Zentrum“ statt „Unterbringung in einer Anstalt für geistig abnorme Rechtsbrecher“;
  • „schwerwiegende und nachhaltige psychiatrische Störung“ statt „geistige oder seelische Abartigkeit höheren Grades“;
  • keine engere Fassung der Wahrscheinlichkeit der Prognosetat;
  • keine generelle Anhebung der Schwelle der Strafdrohung bei der Anlasstat von derzeit mehr als 1 Jahr Freiheitsstrafe auf die Verbrechensgrenze (Strafdrohung von mehr als drei Jahren); bei Freiheitsstrafdrohungen von zwei oder drei Jahren „besondere Gewaltgeneigtheit“ aber erforderlich;
  • Entscheidung über Notwendigkeit der weiteren Anhaltung binnen Jahresfrist seit der letzten Entscheidung (statt bisher [Beginn der] Überprüfung binnen dieser Frist);
  • Ersetzung der bedingten Nachsicht der Maßnahme durch vorläufiges Absehen vom Vollzug;
  • Regelung des Verfahrens zur Unterbringung weiterhin in der StPO (und nicht im neuen MVG);
  • Möglichkeit einer Sozialnetzkonferenz im Unterbringungsverfahren;
  • im Idealfall schon während der vorläufigen Unterbringung Behandlung auch mit dem Ziel, dass „definitive“ Unterbringung nicht mehr notwendig ist;
  • zwingende Beiziehung eines klinischen Psychologen/einer klinischen Psychologin (neben wie bisher eines Psychiaters/einer Psychiaterin);
  • über die Unterbringung entscheidet immer Kollegialgericht (dh anstelle des Einzelrichters des Gerichtshofs I. Instanz das Schöffengericht); 2 von 4 2650/AB XXVI. GP – Anfragebeantwortung
  • Festschreibung des Grundsatzes des Schutzes der Allgemeinheit als ein Ziel des Maßnahmenvollzuges
  • vorläufiges Absehen von der Unterbringung statt bedingter Nachsicht;
  • im Sinne des Regierungsprogramms gerichtliche Aufsicht und elektronische Überwachung auch schon beim vorläufigen Absehen vom Vollzug;
  • Möglichkeit zur „Krisenintervention“ beim vorläufigen Absehen;
  • ausdrückliches räumliches und organisatorisches Abstandsgebot: „vom Strafvollzug räumlich und organisatorisch getrennt in besonderen Gebäuden“;
  • weiterhin Möglichkeit des Vollzugs der Maßnahme nach § 21 Abs. 1 StGB in Krankenanstalten (Abteilungen) für Psychiatrie;
  • ausnahmsweise auch Vollzug der Maßnahme nach § 21 Abs. 2 StGB in Krankenanstalten möglich;
  • Vertretung der Untergebrachten durch Patientenanwälte;
  • zeitgemäße Neuregelung von Behandlung und Betreuung und der Durchführung des Vollzuges;
  • verbesserter Rechtsschutz für die Untergebrachten insb. bei ärztlicher Behandlung und Beschränkung der Bewegungsfreiheit innerhalb der forensisch-therapeutischen Zentren durch die Möglichkeit, das Vollzugsgericht anzurufen;
  • notwendige Verteidigung im Entlassungsverfahren;
  • Möglichkeit von Sozialnetzkonferenzen im Entlassungsverfahren;
  • gerichtliche Aufsicht, elektronische Überwachung und Möglichkeit zur Krisenintervention auch nach bedingter Entlassung;
  • bei Jugendlichen zwingende Beiziehung von Expertise aus dem Bereich der Kinder- und Jugendpsychiatrie;
  • zeitliche Obergrenze für die strafrechtliche Unterbringung von Jugendlichen bei 15 Jahren;
  • Verbesserung der Entlohnung der psychiatrischen Sachverständigen.

Zur Frage 3:

Wann ist mit der Fertigstellung des Gesetzesentwurfes zu rechnen?

Es ist geplant, dass der Entwurf im ersten Halbjahr 2019 fertiggestellt wird.

Zu den Fragen 4 und 5:

Wird der Gesetzesentwurf in Begutachtung geschickt werden?

a. Wenn ja, wie lange wird die Begutachtungsfrist sein?

b. Wenn nein, warum nicht?

Wann wird der Gesetzesentwurf dem Parlament vorgelegt werden?

Es ist geplant, den Entwurf in eine reguläre, zumindest 6-wöchige Begutachtung zu schicken. Je nach den Ergebnissen des Begutachtungsverfahrens und des sich daraus allenfalls ergebenden neuerlichen Überarbeitungsbedarfs könnte der Entwurf nach dem Sommer dem Parlament zugeleitet werden.

Bürgerinitiative zu menschenwürdigem Maßnahmenvollzug im Parlament

Schlagwörter

, , , , ,

Der Nationalrat widmet sich dem Sammelbericht des Petitionsausschusses. Mit dabei: die Forderung nach einem
menschenrechtswürdigem Maßnahmenvollzug

© Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Ein menschenrechtskonformer und menschenwürdiger Maßnahmenvollzug wird von den Unterstützern einer entsprechenden Initiative ersehnt. Die bereits erarbeiteten Empfehlungen einer ExpertInnen-Kommission des Justizministeriums sollten umgesetzt sowie ein entsprechender Rechtsschutz für Betroffene geschaffen werden, meinte SPÖ-Abgeordnete Melanie Erasim. Eine grundlegende Reform des Maßnahmenvollzugs würde mehr Humanität und mehr Sicherheit für alle bedeuten. Die SPÖ habe bereits seit vielen Jahren versucht, hier etwas voranzutreiben und darauf hingewiesen, dass eine moderne Therapie das Gefährdungspotential reduzieren würde, sagte Erasim. Auch die FPÖ wäre zu diesem Thema grundsätzlich gesprächsbereit, hielt Abgeordneter Christian Lausch fest.

Petitionsausschuss befasst sich mit Maßnahmenvollzug

Schlagwörter

, , , , , , , , ,


© Parlamentsdirektion / Johannes Zinner

Begutachtungsentwurf zur Reform des Maßnahmenvollzugs könnte zu Ostern vorliegen

Beim heutigen Hearing im Petitionsausschuss des Nationalrats ging es auch um eine Reform des Maßnahmenvollzugs sowie um bessere Rahmenbedingungen für die Justizwache. Es könne nicht sein, dass psychisch kranke Menschen wegen verschiedener Mängel unverhältnismäßig lange in Justizanstalten oder Psychiatrien landen, meinte Markus Drechsler, der als Erstunterzeichner einer auch von Behindertenorganisationen unterstützten Bürgerinitiative ( 51/BI ) in den Ausschuss geladen worden war. Die UnterzeichnerInnen machen sich für einen menschenrechtskonformen und menschenwürdigen Maßnahmenvollzug sowie die Umsetzung der 2015 präsentierten Vorschläge der vom Justizministerium eingesetzten Expertenkommission stark. Auch die Volksanwaltschaft unterstützt in einer schriftlichen Stellungnahme das Anliegen.

Zahl der Personen im Maßnahmenvollzug ist deutlich gestiegen

Über eine Reform des Maßnahmenvollzugs wird bereits seit geraumer Zeit in Österreich diskutiert. Eine von Ex-Justizminister Wolfgang Brandstetter eingesetzte Expertenkommission hat 2015 zahlreiche Empfehlungen erarbeitet, die laut der vorliegenden Bürgerinitiative aber nach wie vor einer Umsetzung harren. Unter anderem steht der Vorwurf einer mangelnden Qualität von Sachverständigengutachten und gerichtlichen Verfahren im Raum. Es brauche ein Maßnahmenvollzugs-Gesetz, das den Rechtsschutz der Betroffenen gewährleistet und die Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie und Wiedereingliederung in die Gesellschaft darstellt, monieren die UnterzeichnerInnen.

Bekräftigt wurden die Forderungen der Bürgerinitiative in der heutigen Sitzung von ihrem Erstunterzeichner Markus Drechsler. Er wies darauf hin, dass die Zahl der Personen, die sich im Maßnahmenvollzug befinden, seit 2010 um 40% auf mittlerweile 973 Personen gestiegen sei. Da Plätze in einschlägig ausgestatteten Haftanstalten fehlen, müssten Plätze in forensischen Abteilungen der Landeskrankenhäuser zugekauft werden.

Als eines der Probleme sieht Drechsler, dass es zu wenig Gutachter gibt und diese nicht adäquat honoriert würden. 60% der erstellten Prognosegutachten seien nicht „state of the art“, wie eine Studie ergeben habe. So gebe es etwa den Fall von wortidenten Gutachten zu zwei verschiedenen Personen. Drechsler vermisst außerdem einen adäquaten Rechtsschutz für im Maßnahmenvollzug untergebrachte Personen und ausreichend Nachbetreuungsangebote.

Drechsler plädierte unter anderem dafür, Anhaltungen zu befristen und die Kriterien dafür neu zu definieren. Auch die Schwere des begangenen Delikts müsse eine Rolle spielen. Er kenne einen Fall, wo jemand wegen einer gefährlichen Drohung gegen einen Nachbarn und Widerstands gegen die Staatsgewalt insgesamt 39 Jahre im Maßnahmenvollzug verbracht habe. Auch brauche es geänderte Bestimmungen beim Entlassungsverfahren, hier könnte ihm zufolge der in Ausarbeitung befindliche Entwurf des Justizministeriums Verbesserungen, etwa durch eine Anwaltspflicht, bringen.

Dass die Beratungen über die Bürgerinitiative schließlich durch Kenntnisnahme abgeschlossen wurden, ohne die angeforderte und noch ausständige Stellungnahme des Justizministeriums abzuwarten, wurde von der Opposition bedauert. SPÖ, NEOS und JETZT hatten für eine Vertagung der Verhandlungen gestimmt, wobei Abgeordneter Wolfgang Zinggl (JETZT) auch der sofortigen Zuweisung der Bürgerinitiative an den Justizausschuss einiges abgewinnen hätte können.

Zuvor hatte sich im Ausschuss an der Person Drechslers Kritik entzündet. Christian Lausch (FPÖ) protestierte gegen dessen Anwesenheit beim Hearing, auch Manfred Hofinger (ÖVP) zeigte sich befremdet. Demgegenüber wies Ausschussvorsitzender Michael Bernhard (NEOS) darauf hin, dass die Ladung aller Auskunftspersonen einstimmig erfolgt sei.

2015, 2016, 2017 und jetzt 2018: Menschenrechte bitte warten!

Schlagwörter

, , ,

Nach wie ist vor keine Reform des menschenrechtlich fragwürdigen Maßnahmenvollzugs in Sicht.

Justizminister Moser beim Weihnachtspunsch mit Amtsvorgänger Michaelek
(C) BMVRDJ

Die Geschichte zur Reform des Maßnahmenvollzugs ist mittlerweile lange geworden. 2014 verfault der Fuß eines Untergebrachten in der JA Stein. Große Aufregung beim damaligen Justizminister Brandstetter. Entsetzt über die Missstände, setzt er eine Expertengruppe ein, die die nötigen Reformschritte erarbeiten soll. Damit soll der Maßnahmenvollzug auch wieder den Menschenrechten entsprechen (Österreich wurde mehrmals vom Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte verurteilt) und ein modernes Behandlungsumfeld geschaffen werden.

Was ist davon bis 2018 passiert? Außer langatmiger Ankündigungen der Minister Brandstetter und jetzt Moser ist nicht viel passiert. Eine Clearingstelle wurde eingerichtet, die Untergebrachten in den Justizanstalten Stein, Garsten und Karlau sind jetzt in „Departements“ und nicht mehr mit den „normalen“ Strafgefangenen gemischt.

Die wichtigsten Schritte zu einer Verbesserung wurden jedoch nicht angegangen:

  • Zurechnungsunfähige psychisch kranke Menschen bleiben weiterhin im Justizsystem und nicht im Gesundheitssystem (die Länder wollten die Finanzierung nicht übernehmen)
  • Die Qualität der Einweisungs- und Entlassungsgutachten ist nach wie vor blamabel, auch die Bezahlung kann man so nennen
  • Untergebrachte sind nach wie vor perspektivlos auf unbestimmte Zeit einfach weggesperrt
  • Der Behandlungs- und Therapieauftrag wird nach wie vor nicht genügend umgesetzt
  • Es werden immer mehr Menschen eingewiesen, die Plätze gehen aus
  • Es gibt nach wie vor viel zu wenig Nachbetreuungseinrichtungen und zu wenige Möglichkeiten der ambulanten, gemeindenahen Nachsorge

Es bleibt zu hoffen, dass die Bürgerinitiative der Plattform Maßnahmenvollzug im Parlament ein wenig Druck erzeugen kann und die Politiker aller Fraktionen die Notwendigkeit einsehen, damit nun 2019 endlich das Jahr der Beendigung dieser Missstände wird.